Stadt Graz – Historisches Zentrum und Schloss Eggenberg

Stadt Graz

Kapitel 4.1

Religiöser Fundamentalismus

Graz ist auch geprägt von religiösen Auseinandersetzungen zur Zeit der Reformation und Gegenreformation. 1568 waren drei Viertel der Grazer Bevölkerung protestantisch, die Stadt wurde von katholischen Habsburgern und vorwiegend protestantischen Ständen regiert.

Im Paradeishof (heute Kaufhauskomplex von Kastner & Öhler) wurde die protestantische Stiftsschule eingerichtet. Hier unterrichteten namhafte Gelehrte aus Deutschland, unter ihnen der Astronom und Mathematiker Johannes Kepler, der vier Jahre in Graz verbrachte und am Ende seiner Grazer Zeit, im Jahre 1600, am Grazer Hauptplatz mit einer „camera obscura“ eine Sonnenfinsternis beobachtete.

Der katholische Erzherzog Karl II. berief im Gegenzug die Jesuiten nach Graz, ihnen wurde die ehemalige Stadtpfarre St. Ägydius (heute Grazer Dom) unterstellt. 1572 wurde das Jesuitenkolleg in der Bürgergasse, ein imposanter Bau mit eindrucksvollen Arkadengängen und dem größten Innenhof in der Grazer Altstadt, errichtet. Es ist bis heute Priesterseminar. Dreizehn Jahre später, 1585, erfolgte die Gründung der Universität, die spätere Karl-Franzens-Universität. Hier wirkten u.a. auch sechs Nobelpreisträger (z.B. Julius-Wagner-Jauregg, Nobelpreis für Medizin 1927).

Die Gegenreformation war keineswegs zimperlich: Über 10.000 protestantische Bücher wurden vor dem Paulustor demonstrativ verbrannt. Glück- licherweise wurden die Erst- ausgaben dieser Bücher in der Universitätsbibliothek verwahrt und sind so erhalten geblieben. Die renommierte Stiftsschule musste geschlossen werden, 1600 wurden protestantische Bürgerinnen und Bürger und 28 Jahre später auch Adelige aus der Stadt verwiesen.

Die Architektur aus dieser Zeit prägt bis heute die Stadt und ist gleichzeitig Mahnung zu Toleranz und Menschlichkeit.